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Fratz&Co Oktober 2013

www.fratz.at Zwerge und Riesen, Arme und Reiche, Fleißige und Faule … In der Welt der Geschichten finden wir sie alle: gar sonderliche Gestalten, liebliche Jungfrauen, arge Schelme und zauberhafte Wesen. Lassen wir uns von ihnen umgarnen und verhelfen wir ihnen in unserer Fantasie zum Leben, haben sie uns jede Menge zu erzählen. Man muss nur gut zuhören können, dann verrät einem die Birke, deren Blätter im Wind rauschen, fantastische Geschichten, wird eine alte Frau mit ihrem zerfurchten Gesicht die Hauptdarstellerin einer Erzählung und eine Katze, die über den Zaun springt und in den Büschen verschwindet zur verwunschenen Prinzessin. Oft aber genügt es schon, den alten Märchenband hervorzuholen, den Staub von seinem Einband zu blasen, seine Lieblingsgeschichte aufzuschlagen und sich entführen zu lassen. Ursprünglich waren Märchen ja nicht ausschließlich für Kinder. Das Potential, Groß und Klein zu verzaubern, haben sie noch heute. So muten schon die Erzählungen der alten Hochkulturen wie der Sumerer, Ägypter, Griechen und Römer vielfach märchenhaft an, im Frankreich des 17. Jahrhunderts unterhielt sich der Adel bei Feenmärchen und ließ sich Anfang des 18. Jahrhunderts von den „Geschichten beigestellt Hersteller, com,Shutterstock.aus 1001 Nacht“ faszinieren. Grimm oder Andersen? by Designs Auch die Märchensammlung, die Jacob und Wilhelm Grimm 1812 und 1815 Vault veröffentlichten, war ursprünglich nicht Unholy für Kinder geschrieben. Das Interesse an einem alten Kulturgut war für die Fotos:beiden Brüder die eigentliche Motivation, spezial fratz fratz&co 05/2013 9 sich mit Hänsl und Gretl, dem gestiefelten Kater und ihren „Kollegen“ zu beschäftigen. Sie sammelten die alten, traditionellen Erzählungen, hielten sie schriftlich fest und wurden damit gewissermaßen zu den Hütern eines Kulturschatzes für die Nachwelt. Hans Christian Andersen hingegen, eigentlich Lyriker, Theater- und Roman-Autor, verfasste seine Märchen selbst und vertritt damit das Genre der Kunstmärchen. 1835 veröffentlichte er „Märchen, für Kinder erzählt“. Bis er sich 1843 dafür entschied, tatsächlich Märchen-Dichter zu sein, sollte es noch ein langer Weg sein. Dabei wohnt seinen Märchen ein besonderer Zauber inne. Wolfgang Mönninghoff schreibt in seiner Biographie „Das große Hans Christian Andersen Buch“: „Andersen – und das unterscheidet ihn von nahezu allen anderen Märchenautoren – macht die Wirklichkeit zum Märchen, er sieht sie nur mit vorgeblich kindlichem Blick. Auch bei ihm kommen Prinzen und Prinzessinnen vor, die von bösen Stiefmüttern und Hexen verfolgt werden, auch er erzählt Geschichten von Verzauberung und Entzauberung, von Treue und Liebe und Grausamkeit.“ Aber: „Während die Gebrüder Grimm der Volkssprache mit archäologischem Eifer nachspüren, greift Andersen als Künstler die Kindersprache auf und macht aus ihr ein stilbildendes Element seiner Dichtung.“ Sein eigentliches Verdienst aber umreißt In unserer zunehmend lauter und schneller werdenden Welt schafft das „Erzählen“ einen stillen Raum der Fantasie. Allein durch die alte Märchensprache und ihre Bilder wird die Aufmerksamkeit der Kinder gewonnen und werden Zuhören und Staunen Nahrung für die Seele. Beate Droppelmann, www.diemaerchenhexe.at Bettlektüre Dieses liebevoll illustrierte Buch versammelt 14 Märchen von H. C. Andersen und den Gebrüdern Grimm. ars edition, gesehen um € 13,40,- bei www. jako-o.at Biograph Mönninghoff so: „Andersen schreibt für die Erwachsenen, legt aber den Samen der Leselust schon in die Seelen der Kinder.“ Damit löste er wie auch die Gebrüder Grimm oder ein Wilhelm Hauff einen wahren Hype aus, der bis heute mehr oder weniger anhält. Kinder brauchen Märchen So mancher Elternteil hat sich bereits Gedanken gemacht, ob die Grausamkeiten, die in den Märchen zum Leben dazugehören, für den Nachwuchs nicht zu viel des Bösen sind. Da werden Kinder im tiefen Tann ausgesetzt,


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