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Fratz&Co Oktober 2013

Fotos: ollyy by Shutterstock.com, foto ascher fratz&co: Man weiß inzwischen, dass nicht nur die Gene Schuld an der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit sind. Zu 30 bis 50 Prozent spielen auch Umweltfaktoren mit herein. Dr. Ulrike Hanko: Ja, es macht in Bezug auf Alkoholerkrankung einen Unterschied, ob jemand z. B. in der Stadt oder am Land wohnt, welche Trinksitten im Umfeld vorherrschen, welcher sozialen Kontrolle das Trinkverhalten unterliegt, wie die finanzielle Familiensituation aussieht bzw. welcher berufliche Background vorliegt. Betrachtet man die Familie als Einflussfaktor, www.fratz.at 58 fratz&co 05/2013 vital fratz so zeigen Studien, dass ein kontinuierliches Fehlen einer Bezugsperson einen wesentlichen negativen Einflussfaktor darstellt - damit ist nicht die berufstätige Mutter gemeint, sondern das Fehlen einer liebevollen Fürsorge. Das kann auch der Fall sein, wenn die Eltern zuhause anwesend sind (broken-home), auch eine schlechte Beziehung zwischen Kindern und Eltern wirkt sich negativ aus. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Kinder eine eindeutige Haltung gegenüber Alkohol entwickeln können, etwas, das sie von ihren Eltern lernen – dies fehlt bei Alkoholikerfamilien. fratz&co: Koma-Trinken ist ein bedenklicher Trend. Ist das „nur“ jugendlicher Leichtsinn? Dr. Ulrike Hanko: Als reinen jugendlichen Leichtsinn würde ich dieses Phänomen nicht abtun. Dass Alkohol trinkende Jugendliche immer jünger werden, denke ich, ist erwiesen. Ich erkläre mir das einerseits mit dem leichteren Zugang zu Alkohol, den sich veränderten finanziellen Möglichkeiten und dem immer häufiger werdenden Wegfall sozialer Kontrolle. Von Bedeutung ist auch der Freundeskreis der Kids. Zudem stellt die Privatsphäre der Kinder in der heutigen Gesellschaft ein hohes Gut dar. Die Eltern haben ihren Wirkbereich zurückgenommen. Aber gerade bei diesem Thema, wenn Gefahr für die Jugendlichen besteht, wäre es wichtig, dass Erwachsene ihre Präsenz im Leben ihrer Kinder wieder verstärken. Privatsphäre ja, aber genau so viel wie es die Situation erlaubt. fratz&co: Gibt es Verhaltensmuster auf dem Weg in die Abhängigkeit, wo man sagen kann: das ist typisch Mann oder typisch Frau? Dr. Ulrike Hanko: Was sich sagen lässt ist, Dass es geschlechtsspezifische Unterschiede im Trinkverhalten und Trinkmuster gibt. Studien zeigen auch, dass Frauen mit Alkoholproblemen eher allgemeine Hilfsprogramme wie z. B. allgemeinmedizinische oder psychologische Beratung aufsuchen, um ihr Problem in den Griff zu bekommen, und, wenn sie in Behandlung kommen, sind die Symptome bereits stärker ausgeprägt. Dies lässt sich möglicherweise durch eine gesellschaftlich geringere Akzeptanz von Frauen und Alkohol erklären. fratz&co: Auch Frauen greifen immer öfter zu promillehaltigen Getränken. Ist das ihrer Meinung nach der Preis für die Emanzipation? Dr. Ulrike Hanko: Ich glaube schon, dass die gesellschaftspolitische Veränderung einen Einflussfaktor darstellt. Ich würde jedoch nicht sagen, dass es der Preis für die Emanzipation ist, da würde man die Verantwortung darüber, ob jemand trinkt oder nicht vom Individuum trennen, und so sehe ich das nicht. fratz&co: Wie erleben in der Familie Kinder eine alkoholkranke Mutter bzw. einen alkoholkranken Vater und mit welchen Folgen? Dr. Ulrike Hanko: Der Einfluss von alkoholkranken Eltern auf späteren Alkoholismus der Kinder ist bekannt. Zudem wurde auch erforscht, dass weibliche Alkoholiker noch häufiger als männliche aus einer Alkoholikerfamilie kommen. Aufgrund meiner Erfahrung scheinen Kinder alkoholkranker Eltern eine besondere Fähigkeit darin zu entwickeln Situationen nach ihrer Gefahr / Bedrohung einzuschätzen. D. h., Sie mussten in ihrer Kindheit lernen Alkoholsucht – eine psychische Erkrankung fratz&co im Gespräch mit der Klinischen- und Gesundheitspsychologin sowie Systemischen Familientherapeutin Ing. Dr. Ulrike Hanko aus Hall in Tirol Die Eltern haben heutzutage ihren Wirkbereich zurückgenommen. Aber gerade wenn Gefahr für die Jugendlichen besteht, wäre es wichtig, dass Erwachsene ihre Präsenz im Leben ihrer Kinder wieder verstärken.


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