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Fratz&Co Oktober 2013

www.fratz.at Weintrinker sehen gut aus, sind intelligent, sexy und gesund“, meint der populäre englische „Wein-Papst“ Hugh Johnson. Was so stylish klingt, stellt sich im wahren Leben viel nüchterner dar: Alkoholismus ist ein gut getarntes Volksleiden mit epidemischen Ausmaßen. Circa 750.000 ÖstereicherInnen gelten derzeit als alkoholgefährdet, 360.000 als tatsächlich alkoholkrank. Damit liegt die rot-weiß-rote Nation im europäischen Spitzenfeld. Grund genug für die Redaktion, dieses komplexe Leiden zu hinterfragen und an der breiten Akzeptanz der Gesellschaftsdroge Alkohol zu rütteln. Vorsicht Dazu lassen wir zwei Expertinnen zu Wort kommen: die Wiener Allgemeinmedizinerin Dr. Barbara Degn, „Eine in der Öffentlichkeit deutlich sichtbare Problemgruppe sind die immer jünger werdenden „Koma“-Trinker im Teenageralter“, weiß Dr. Barbara Degn. betroffen als ihre Geschlechtsgenossinnen, dem veränderten Rollenbild der Frau nimmt auch die Zahl der suchtkranken Frauen zu“, hält Degn eine unerfreuliche Entwicklung vor Augen. Die gute Nachricht dazu: Alkoholkrankheit kann erfolgreich behandelt werden. Oft ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle, der gegebenenfalls an andere, infrage kommende Einrichtungen überweisen kann. Factbox Alkohol info doch „mit ✔Jede(r) ÖsterreicherIn konsumiert täglich, rein statistisch gesehen, 26,4 g Reinalkohol (das meiste in Form von Bier). ✔Es zeigt sich ein deutliches West- Ost-Gefälle: Im Burgenland greift man am häufigsten zur Flasche. ✔Die Harmlosigkeitsgrenze bei Männern: 24 g/Tag = 0,6 l Bier = 2/8 Wein; bei Frauen: 16 g/Tag = 0,3 l Bier = 1/8 Wein ✔Gesundheitsgefährdung: bei Frauen ab einer durchschnittlichen Tagesmenge von 40 g/Tag = 1 l Bier = 0,5 l Wein; bei Männern: ab 60 g/Tag = 1,5 l Bier = 0,75 l Wein. ✔Mindestens (!) zwei alkoholfreie Tage pro Woche sind angesagt Vorstandsmitglied der Österr. Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin, sowie die Klinische- und Gesundheitspsychologin, Systemische Familientherapeutin Ing. Dr. Ulrike Hanko aus Hall in Tirol. Kids und Alkohol „Der Konsum von Alkohol ist seit Jahrhunderten in unserer Kultur tief verankert und Teil unseres täglichen Lebens, auf den viele von uns nicht verzichten wollen. Während für die meisten Menschen der „soziale“ Alkoholkonsum kein Problem darstellt, gibt es dennoch auch ein weites Spektrum von problematischen Alkoholkonsumgewohnheiten“, betont Degn anlässlich des Lundbeck Presseforums Psychiatrie. Alkoholkrankheit kann Männer und Frauen aus allen Gesellschaftsschichten treffen. Es gibt kein „klassisches Patientenbild“. „Eine in der Öffentlichkeit deutlich sichtbare Problemgruppe sind die immer jünger werdenden „Koma“- TrinkerInnen im Teenageralter“, hebt die Allgemeinmedizinerin hervor. Die Gefahr, in eine tatsächliche Abhängigkeit zu rutschen, ist vor allem im Alter zwischen 25 und 40 Jahren am größten. Etwa 30 Prozent der über 50-jährigen Männer sind Problemkonsumenten. Dies bedeutet, dass täglich eine Menge von mehr als drei Krügel Bier (= 60 mg reiner Alkohol) getrunken wird. Doch auch die ältere Bevölkerung ist vor dem problematischen Alkoholkonsum nicht gefeit. Das zeigt sich vor allem darin, dass täglich alkoholische Getränke zu sich genommen werden. Zwar sind Männer dreimal häufiger vital fratz fratz&co 05/2013 57


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