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Fratz&Co Oktober 2013

www.fratz.at fratz&co: Herr Müller, wie sieht – Ihrer Meinung nach – die Wirklichkeit an Schulen aus? Andreas Müller: Der Idealfall wäre, dass die Schule eine solche Lernumgebung zur Verfügung stellt, die die Lernenden nachhaltig und personalisiert fördert, sodass sie relevante Kompetenzen entwickeln können. Tatsächlich geht es aber in der Regel nicht um die nachhaltige Entwicklung von Kompetenzen, sondern lediglich um den Erwerb von Berechtigungen, von Scheinen. Lernen wird im schulischen Kontext häufig mit Auswendiglernen assoziiert. Die Schule bietet in den meisten Fällen nicht eine aktivierende und personalisierte Lernumgebung, sondern es wird Buch-Tipp Lernende brauchen Hilfe zur Selbsthilfe und keine Predigten nach veralteten Methoden. Andreas Müller liefert Ideen aus der Praxis. www. hep-verlag. die „10-G-Pädagogik“ verfolgt. fratz&co: Was verstehen Sie unter „10-G-Pädagogik“? Andreas Müller: Alle Gleichaltrigen haben zum gleichen ch Zeitpunkt, im gleichen Fach, beim gleichen Lehrer, im gleichen Raum, mit den gleichen Mitteln die gleichen Dinge zu tun und zu den gleichen Fragen die gleichen Antworten zu geben.“ fratz&co: Welche Folgen ergeben sich daraus? Andreas Müller: Das Lernen ist also in den meisten Fällen ausgerichtet auf die Wiedergabe von Schulstoff. Schulisches Lernen ist ein Etikettenschwindel. Die Schule hat sich des Begriffs des Lernens bemächtigt und ihn domestiziert. Obwohl es nichts miteinander zu tun hat, werden die Begriffe Schule und Lernen häufig synonym verwendet. Die Orientierung an äußeren Anforderungskriterien, wie es in den meisten Fällen in den Schulen der Fall ist, unterminiert die nachhaltige Entwicklung von Kompetenzen. fratz&co: Was heißt für Sie Lernen? Sie sprechen ja auch von „generierendem Lernen“ … Andreas Müller: Ja, etwas muss erzeugt werden, mit eigener Leistung geschaffen werden. Auf diese Weise entsteht Selbstgestaltungskompetenz, welche für das gesamte Leben unabdingbar ist. Meiner Meinung nach sollte Lernen verstanden werden als tägliche Auseinandersetzung mit sich, mit anderen, mit der Welt. Man muss lernen, konstruktiv mit Widerständen umzugehen, es geht eben nicht alles von selbst. Die Aufgabe der Schule ist es daher auch den Lernenden Freude daran zu vermitteln, mit Widerständen umzugehen. Ich bin außerdem der Überzeugung, dass die Tätigkeit des Lernens einen Eigenwert haben muss. Damit man es nicht nur tut, „um zu …“. Ich verdeutliche das mal noch an einem Beispiel: Wenn jemand Joggen geht um abzunehmen, wird er das – zugespitzt formuliert – nur so lange tun, bis es das erste Mal regnet. Wenn man keine Freude an der Tätigkeit des Joggens entwickelt, wird man das nicht längerfristig aufrechterhalten. Lernen muss also einen Wertschöpfungseffekt haben – man muss daran Spaß haben, genießen können, auch schon bevor ein Nutzen entsteht. fratz&co: Wie sollte dann – Ihrer Meinung nach – schulisches Lernen aussehen? Andreas Müller: Das Ziel schulischen Lernens muss heißen zu verstehen – dass also das, was in der Schule getan wird, auch verstanden wird. Informationen müssen in Bedeutung umgewandelt werden können, Neues mit Vorhandenem vernetzt werden. Nur so können Aha-Erlebnisse erzielt werden. Andreas Müller hat bereits einige Bücher zum Thema Lernen veröffentlicht. Weiters arbeitet er als Dozent und Leiter des Instituts Babenberg in der Schweiz. www.institut-beatenberg.ch „Die Schule will die Lernenden auf das Leben im späten 21. Jahrhundert vorbereiten – mit den strukturellen Denkmustern aus einer Zeit, in der Friedrich Wilhelm III. König von Preußen und Alexander I. Zar von Russland war, der erste Mensch die Zugspitze bestiegen hat und als in England vor den Augen der Öffentlichkeit zum letzten Mal ein Mensch gevierteilt wurde.“ Andreas Müller family fratz fratz&co 05/2013 35


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