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Fratz&Co Oktober 2013

www.fratz.at tipp ✔Vermeiden Sie bitte bei ohnehin So nehmen Sie der Dunkelheit ihren Schrecken ✔Angst vor der Dunkelheit können Kinder mit ein wenig Hilfe ganz leicht wieder ablegen. Das kann oft schon dadurch gelingen, dass Sie das Thema zunächst einmal nicht durch ständiges Erwähnen und darauf Eingehen aufwerten. ✔Ständiges künstliches Licht während des Schlafes bringt den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus Ihres Kindes durcheinander (circadianer Rhythmus). ✔Achten Sie bei Ihren ganz alltäglichen Äußerungen darauf, wie Sie selbst Dunkelheit und ganz allgemein „Schwärze“ bewerten. Bei anderen Völkern ist beispielsweise die Farbe Weiß mit Gefahr und Bedrohung verbunden. Ach ja, die obligaten Märchen-Schlussworte fehlen noch: Und wenn sie nicht alle im finsteren Zauberwald verschollen sind, dann zittern sie auch heute noch. So, jetzt passt es: „Ende“. Ja, ja, ich weiß: Die Geschichte war mal wieder etwas überzeichnet ... und haarsträubend! Aber sind das Märchengeschichten nicht allzu oft? Leider! Finstere Stories, markige Sprüche Meine spontan erdachte Story hilft mir jedenfalls zu verstehen, womit Mayas frühe Angst begonnen haben könnte. Zahlreiche beliebte Gute-Nacht-Geschichten enthalten standardmäßig Passagen mit manch „grausiger Schwärze“, „eisiger Dunkelheit“ oder „gar finsteren Mächten“. Ist es dann nicht auch möglich, dass Susanne F. , Maya mit einer liebevoll gemeinten Einschlaf- Hilfe ihre unbewusste Angst vor der Dunkelheit verkauft haben könnte? Ich frage nach – und erfahre, dass speziell Mayas Oma zuweilen die Folgsamkeit Ihrer Enkelin mit markigen Sprüchen wie diesem einfordert: schon sensibilisierten Kindern Geschichten mit „bedrohlich finsteren“ Inhalten. Besonders vor dem Einschlafen. ✔Schalten Sie ein paar Abende hintereinander das allgegenwärtige Fernsehgerät und andere Beleuchtungseffekte frühzeitig ab. Erst dann kann Ihr Kind in aller Ruhe ein entspanntes Gefühl für Dunkelheit als heimischen Normalzustand entwickeln. ✔Diesen Tipp dürfen Sie natürlich noch vertiefen: Schalten Sie zunächst alles ab und bleiben Sie dann entspannt im Dunkeln sitzen. Sicher fragt Ihr Kind bald: „Was machst du da?“ Antwort: „Ich genieße gerade ein bisschen die Dunkelheit!“ Raten Sie mal, wer da auf einmal begeistert mitmachen will … „Wenn du nicht brav bist, holt dich der schwarze …!“ Ja, schon klar: Omis Sprüchlein entsprechen nicht mehr dem erzieherischen Mainstream. Gut so! Dennoch: Mir begegnet so etwas in meiner Praxis nach wie vor. Und zwar viel öfter, als Sie es vielleicht für möglich hielten. Kein Märchen Sicher gibt es tatsächlich einige genetisch verankerte kindliche Ängste, wie z. B. jene vor dem „Verlassen Werden“ (gleichbedeutend mit: Liebesverlust). Aber dann muss wenigstens im Falle der „Angst im Dunkeln“ ein Gegenbeweis her: Wohin, liebe Gut gemeint Viele beliebte Mama-, Papa-, Oma-, oder Opa- Gute-Nacht-Geschichten impfen Kindern unbewußt Ängste ein. Eltern, ziehen sich Kinder zurück, wenn sie sich schlecht fühlen? Richtig! Unter die Decke. In ihre „dunkle Höhle“. In bestimmten Entwicklungsphasen zeigen Kinder dieses Verhalten sogar ziemlich ausgeprägt. Forscher haben das längst entschlüsselt: Es ist eine Art „Transformation“ Gerhard Spitzer ist Sozialpädagoge, Familiencoach und Erziehungsberater. Seit mehr als 26 Jahren erfolgreich in der außerschulischen Jugendarbeit als Betreuer und pädagogischer Leiter sowie als Erziehungsberater tätig, kennt und liebt er die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aller „Schwierigkeitsgrade“. Erfolgreich und gerne besucht sind seine humorvollen Vorträge zum Thema „Entspannt erziehen“. Buchtipp Entspannt erziehen von Gerhard Spitzer Ueberreuter Verlag www.ueberreuter.at ISBN 978-3-8000-7238-5 des unbewussten Wunsches, zurück in den Mutterbauch zu gelangen. Das, liebe Leser, ist jedenfalls kein Märchen: Wenn Kinder sich wirklich geborgen und sicher fühlen möchten, wird schlicht ein Rückkehr-Impuls in den Bauch der Mutter ausgelöst. Also ist zumindest ein genetisches Programm vielleicht nun schon verständlich geworden: Dunkelheit = Geborgenheit! Interessiert fragt Mayas Mutter zum Schluss: „Kommt denn die Angst vor Dunkelheit ausschließlich von solchen Geschichten?“ Nein, natürlich können auch andere Muster zur Entwicklung solcher Situationsängste beitragen: Unsere eigenen Äußerungen zum Beispiel. Vor allem aber unser Verhalten: Schließlich verbringen wir in unserem Heim kaum bewusst Zeit im Stockdunkeln. Probieren wir es doch einmal, wie es sich anfühlt … Und wenn die (etwas älteren) Kinder wieder einmal „Verstecken im Dunklen“ spielen, machen wir einfach mit. spezial fratz fratz&co 05/2013 17


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